Achtsamkeit

Warum du dir verzeihen darfst, wenn du deine Kinder anschreist + Übung für mehr Selbstmitgefühl

01/19/2018

Ich muss oft an das Zitat von Jane Goodall denken „Eine Sache, die ich von den Schimpansen gelernt habe, ist, dass Kinder haben Spaß machen soll“*. 

Und ich dann regelmäßig innerlich zu mir: „Na suuuper, selbst das mach ich falsch“, denn wenn ich was vom Leben mit Kindern gelernt habe, dann, dass es beim Kinderhaben auch Phasen gibt, die so überhaupt keinen Spaß machen. Da hantelt man sich irgendwie grad so durch den Alltag zwischen Erschöpfung und Wahnsinn. Wir schreien unsere Kinder an, sind ungeduldig, erpressen sie und sind wenig mitfühlend. Spaß ist was anderes. 

Am Ende des Tages bleibt ein großes schlechtes Gewissen und die immer wiederkehrenden Fragen: Bin ich eine schlechte Mutter? Wieso habe ich es nicht besser geschafft? Wieso konnte ich mich nicht zusammenreißen. Was bedeutet das für meine Kinder?…
Wir fühlen uns einsam mit unserer Überforderung und fühlen uns nicht gut genug.

Das Leben mit Kindern hat Höhen und Tiefen – es geht allen so

Bämmmm alles nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten, nicht das Familienleben, nicht so, wie wir als Eltern sein wollen und nicht das, was wir uns für unsere Kinder wünschen.

Wir haben eben oft die Vorstellung, ja einen inneren Wunsch, dass Kinderhaben immer „Spaß“ machen muss und eine Freude ist, dass es nur gute Zeiten gibt – geben soll. Wir wünschen uns unsere Beziehungen zu unseren Kindern frei von Schwierigkeiten, frei von Leid. Ja, wir wünschen uns das für unser ganzes Leben. Wir wünschen uns für uns selbst, dass wir alles schaffen können und dass wir alles super gut machen.

Und hier jetzt die “Erlösung”: Das gibt es nicht!

Das Leben hat seine Höhen und Tiefen.

Unsere Beziehung zu unseren Kindern hat seine Höhen und Tiefen.

Das ist so.

Es geht allen so.

Ich finde das alleine schon anzuerkennen, hilft mir immer schon enorm. Aber diese Erkenntnis zu behalten und auch zu fühlen, vor allem angesichts der perfekten Familienidyllen und hohen Ansprüche, die einem oft im Internet vorgegaukelt werden, ist ziemlich schwierig.

Wenn unsere Kinder uns also an den Rand des Wahnsinns treiben, wir uns selbst hassen oder kritisieren, weil wir nur noch wütend und hilflos sind und alles ganz anders machen, als wir es von uns selbst einfordern, dann könnte folgende Übung helfen. Ich habe sie in einem wunderbaren Achtsamkeitskurs zum Thema Selbstmitgefühl gelernt und für mein Elternsein ein bisschen adaptiert:

„Ein Silberstreifen – in allem die guten Seiten sehen“

Ich überlege mir dann eine Situation in der Vergangenheit mit meinen Kindern, die besonders herausfordernd war. Wo ich sehr wütend war, wo ich gebrüllt habe oder nicht so reagiert, wie ich es mir gewünscht hätte, wo wir vielleicht in einem großen Streit auseinander gegangen sind und gar keine Lösung in Sicht war.

Und ich versuche aus der Distanz zu sehen, ob es auch gute Seiten gegeben hat?
Vielleicht habe ich danach ein Buch gelesen, das mir einen neuen Blick auf die Situation ermöglicht hat, vielleicht habe ich auch ein bisschen besser verstanden, wann wir in solche Situationen kommen und konnte sie das nächste Mal viel früher aufhalten. Vielleicht konnten wir uns nach der Versöhnung ein bisschen näher kommen als sonst.

Manchmal gab es auch gar keine guten Seiten, dann ist es in Ordnung so.

Dann versuche ich meine Gefühle und zwar alle anzuerkennen, die Wut, die Trauer, die Verzweiflung, und auch wenn sie oft nicht sehr hilfreich sind, ich kann trotzdem anerkennen, dass sie mir eigentlich helfen wollen, dass sie mich auf irgendeine (etwas verquere :-D) Art beschützen wollen, so wie die Angst zum Beispiel dazu da ist, mich vor Fressfeinden zu schützen. Und vielleicht kann ich dann etwas weniger kritisch mit mir ins Gericht gehen und mich nicht zu hart verurteilen.

Wir sind gute Eltern – wichtig ist, welche Absicht wir haben.

Denn dieses ewige Selbstverurteilen hält uns nur davon ab, dass wir weiter bei dem bleiben, was für uns wichtig ist. Ich sage jetzt nicht, wir sollen unsere Kinder regelmäßig anschreien, aber wenn es passiert, dann sollten wir uns dafür nicht verurteilen, und solange unser ganzes Elternsein, und vielleicht sogar unser ganzes Leben auf das ausgerichtet ist, was uns wichtig ist, dann werden wir unseren Kurs halten, auch wenn der Kahn manchmal ganz schön schaukelt.

Und wie findet man heraus, was einem wichtig ist?

Wenn du möchtest, kannst du dich zum Beispiel während der Meditation oder einfach in einem ruhigen Moment fragen:

Was zählt wirklich für mich? In meinem Leben mit Kindern, in meinem Leben überhaupt? Was gibt meinem Leben eine positive Wendung?

Was sind meine (positiven) Grundwerte im Familienleben? Wo soll unser Familienleben hinführen?

Vielleicht haben wir nur eine ganz leise Idee, was es sein könnte, vielleicht wissen wir es sofort.

Schreib es nieder, egal wie groß oder klein es ist. Mach es für dich zu einem ganz persönlichen Leitsatz.

Nach dieser Absicht können wir unser Leben ausrichten und uns auch leiten lassen.

Ich wünsche mir zum Beispiel für mich und meine Kinder ein freundliches und respektvolles Miteinander, dass ich mitfühlend sein kann, wenn meine Kinder und andere es brauchen, dass unser Familienleben ein vertrauenschaffender und sicherer Rückzugsort für Kinder wie Eltern ist.

Das ist mir für mein Familienleben wichtig.

Wir werden von dieser Absicht vielleicht immer wieder etwas weiter wegkommen, das ist einfach nur menschlich, auch wird sich dieser Leitgedanke vielleicht verändern, auch das gehört dazu, aber solange wir uns zu dieser positiven Absicht bekennen, werden wir uns daran erinnern, auch in Zeiten, wo wir uns davon ganz weit weg fühlen.

Mit Hilfe dieses Leitgedankens werden wir gut und sicher den Weg finden, zu unserer ganz persönlichen Elternschaft, in der wir aufhören uns und andere zu verurteilen, wenn etwas nicht so gut läuft.

Und vielleicht irgendwann, können wir die Karte zu diesem Weg auch unseren Kindern mitgeben.

Alles Liebe,

Birgit

PS und weil es so gut passt, verlinke ich zur #tudirwasgutes – Blogparade von SimplyLovelyChaos.

Warum du es dir verzeihen darfst, wenn du deine Kinder anschreist + Übung für mehr Selbstmitgefühl - Achtsamkeit mit Kinder - Fräulein im Glück - der nachhaltige Familienbloge

* ziemlich frei übersetzt, das Zitat im Orginal, wenn es echt von ihr ist ;-): “One thing I had learned from watching chimpanzees with their infants is that having a child should be fun.”

Foto: Jenn Evelyn Ann, Unsplash

 

3 Comments

  • Reply Bella 01/22/2018 at 09:49

    Das ist ein wunderschöner Text und eine wunderbare Einstellung. Vielen Dank, liebe Birgit!

    mamabellita.com

  • Reply Seren 01/22/2018 at 12:55

    Das klingt alles sehr gut, so versuche ich auch oft zu reflektieren, anstatt mit mir selbst ins Gericht zu gehen. Eine Frage, die mich umtreibt, ist – was, wenn die Antworten auf diese Frage “wie soll unser Familienleben aussehen” von den Elternteilen recht unterschiedlich sind? Wie kommt man auf einen gemeinsamen Nenner? Oder muss man das gar nicht? Aber dann hat man doch sehr oft einen Konflikt. Also, beispielsweise ein Elternteil sieht das so wie hier im Post beschrieben und sieht die Aufgabe, einen solchen Raum zu schaffen, primär bei den Eltern. Die andere Person ist der Ansicht, von den Kindern müsste mehr kommen, um mehr zu geben bereit zu sein. Sie kann das Bild also so nicht teilen. Wie nähert man sich da an?

  • Reply Sandra 01/31/2018 at 21:46

    Vielen Dank für diesen sehr ermutigenden Text. Ich gehöre auch zu den Menschen, die es sich selbst sehr lange nachtragen, wenn sie ihre Kinder anschreien. Ich fühle mich dann hundsmiserabel und bin total gefrustet, dass es mir nicht gelingt, immer ruhig zu bleiben.
    Es ist beruhigend zu hören, dass es anderen genauso geht und wenn meine Kinder mir zwischendurch die Arme um den Hals schlingen und sagen: Mama, Du bist die beste Mama der Welt!, dann weiß ich, so schlecht mache ich es anscheinend doch nicht.

  • Leave a Reply