Adventkalender

Adventskalender – Türchen 6: Zwei Briefe

12/06/2014

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Bild_Ingrid
Eine Weihnachtsgeschichte erwartet euch hinter dem heutigen Türchen und sie kommt von Ingrid. Auf Ingrids Blog Kunterbunt finde ich immer Anstöße, die mich zum Nachdenken bringen, egal ob das durch ein Zitat ist, eine Buchempfehlung oder ihre Minimalismus-Beiträge.

Und zur heutigen Geschichte schon eines vorweg: Ich habe gerade das dringende Gefühl, dass ich Weihnachten einmal ganz anders verbringen möchte.

Zwei Briefe

Sie band gerade eine Schleife um das kleine Päckchen, als sie die Tür ins Schloss fallen hörte. “Wie war dein Heiligabend-Arbeitstag?” fragte sie mitleidig. Er stand innen an die Tür gelehnt, die Augen geschlossen, die Aktentasche hatte er auf den Boden gleiten lassen.

 

“Alles OK”, sagte er und versenkte die Nase in ihrem Haar. “Jetzt geht’s mir schon viel besser. Ich kann’s nur einfach nicht mehr ertragen, das Gedudel und Geblinke, die Hektik, die Rennerei. Und wenn ich an heute Abend denke, wird mir geradezu schlecht. Hast du die Geschenke besorgt? Hast du meinen Anzug aufgebügelt? Hast du dir ein neues Cocktailkleid gekauft?” – “Komm”, sagte sie, “geh’ erst mal duschen und dann habe ich eine Überraschung für dich.“

 

Während er sich Ärger und Überdruß abspülte, goss sie zwei Gläser ein und dachte an die ‚Weihnachtstour‘ voriges Jahr: zuerst zu ihren Eltern, wo sie sich mit dem traditionellen Weihnachtsbraten mit Rotkohl und Klößen vollstopfen und sich artig für Krawatte und Nachthemd bedanken mussten. Der Abschied wie immer: beleidigte Mienen …

 

Das Kontrastprogramm war mindestens so schlimm: die Weihnachtsparty bei Alexanders wohlhabenden Eltern: Small-Talk und Juwelenschau, Gespräche über die letzte Kreuzfahrt und politisches Kontakteknüpfen. Letztes Jahr hatte ihr der Bürgermeister die Hand auf den Hintern gelegt. Sie hatte sich mit einem Glas Sekt revanchiert, gerade auf die richtige Stelle gekippt, zur Abkühlung.

 

Als Alexander seinen Kopf ins Wohnzimmer steckte, noch in Unterwäsche, klopfte sie auf den Platz neben sich. “Stoßen wir auf einen schönen Abend an.” Und dann weihte sie ihn ein.

 

Zwei Stunden später standen sie in Jeans und Pulli in der Suppenküche der Kirchengemeinde. Alexander rührte in einem Riesenkessel mit Gulasch und Adriana baute mit Frau Schlüter den Geschenketisch auf, Päckchen mit rosa Schleifen für Frauen, blau für Männer, alle anderen für jeden passend. Alle Tische waren besetzt und das erwartungsvolle Gemurmel verstummte, als der Pfarrer an seine Suppenschüssel klopfte und sich erhob.

 

In der Zwischenzeit hatte ein Bote bei Adrianas Eltern einen Brief abgegeben:

Liebe Eltern,

leider können wir heute Abend nicht kommen. Ihr habt doch immer betont, wie traurig es ist, dass Obdachlose und andere arme Menschen kein richtiges Weihnachten haben. Deshalb haben wir uns ganz spontan entschlossen, in der evangelischen Gemeinde bei der Weihnachtsfeier mitzuhelfen. Wenn ihr nicht wisst, wohin mit dem Essen … im zweiten Stock über euch wohnt die einsame Frau Wohlmann und unter euch der Herr, der vor zwei Monaten Witwer geworden ist. Die würden sich bestimmt freuen, wenn ihr sie einladet.
Wir wünschen euch einen entspannten und friedlichen Weihnachtsabend,
Adriana und Alexander

Auch Alexanders Eltern öffneten ein Kuvert und lasen:

Liebe Eltern,

leider können wir heute Abend nicht kommen, weil wir in der evangelischen Gemeinde bei der Weihnachtsfeier mithelfen. Das hat sich spontan so ergeben. Die uns zugedachten Geldgeschenke bitten wir auf das Konto der evangelischen Gemeinde zu überweisen, Stichwort ‘Und Friede auf Erden’. Vielleicht fragt ihr auch eure Gäste mal, ob sie etwas spenden möchten.

Nachdem Alexander und Adriana beim Spülen und Saubermachen geholfen hatten, gingen sie eng umschlungen nach Hause. Leise rieselnder Schnee hätte jetzt gut gepasst, aber leider regnete es in Strömen. Dennoch fühlten sie sich so zufrieden wie schon lange nicht mehr am Weihnachtsabend.

 

Vielen Dank Ingrid!

Ich wünsche euch eine schöne Adventszeit.

Liebe Grüße,

Birgit

Fräulein im Glück

  • Gabi 12/06/2014 at 08:10

    Eine wunderbare Geschichte!
    …danke Ingrid und danke dir, liebe Birgit!
    Ein schönes Wochenende mit viel Licht
    Gabi

    • Fräulein im Glück 12/08/2014 at 18:54

      Liebe Gabi,

      danke für deinen Kommentar. Die Geschichte ist wirklich toll, find ich auch!

      Dir noch einen schönen Abend
      .

      Liebe Grüße,
      Birgit

  • Dorothée 12/06/2014 at 10:38

    Vielen Dank für diese besondere Geschichte, liebe Ingrid! Ich bin tief berührt… eben weil es genau das ist, was sich meine Seele schon so lange wünscht… und traurig, weil ich es bis heute nicht umgesetzen konnte. Doch es ist ja noch Zeit! und ich fühle, dass ich dranbleiben werde! Danke fürs Teilen der Geschichte über deinen achtsamen Adventkalender, liebe Birigt, den ich bezaubernd finde. Ihr seid für mich zwei Menschen, die mir zeigen, dass das, was ich fühle und will, machbar ist. Ihr macht mir Mut auf meinem Weg! Vielen Dank! Ich wünsche euch einen ruhigen, besinnlichen 2. Advent! Warmherzige Grüße, Dorothée
    PS: Die Schneeflocken auf deiner Homepage gefallen mir besonders, Ingrid!

    • Ingrid 12/06/2014 at 11:43

      Sie sind ein bisschen kitschig, die Flocken, aber hier schneit es ja fast nie, dann wenigstens im Blog. Es freut mich, dass dir die Geschichte so viel gibt. Danke für deinen wundervollen Kommentar.

    • Fräulein im Glück 12/08/2014 at 18:58

      Danke für diese schönen Worte, das ist wirklich so eine tolle Bestätigung und auch der Grund, warum ich meinen Blog habe: zu meinem besten Leben zu finden und andere mit meinen Gedanken ein bisschen anstecken.

      Vielen Dank!

      Alles Liebe,
      Birgit

  • Anne 12/07/2014 at 10:42

    Heul! Wie schön! Ich hab glücklicherweise noch nie so ein stressiges Weihnachten gehabt, dass ich abhauen möchte, aber es berührt mich, wenn Menschen ausbrechen und das tun, was für sie und nur für sie persönlich richtig ist!

    • Fräulein im Glück 12/08/2014 at 18:59

      Ich finde den Gedanken aus dem üblichen Weihnachten auszubrechen auch sehr mutig, noch hab ich es nicht gemacht, aber die Geschichte hat mich sehr zum nachdenken angeregt.

      Liebe Grüße,
      Birgit

  • Susanne 12/07/2014 at 13:57

    Wirklich eine schöne Geschichte!! Danke – und überhaupt ist die Idee mit diesem Adventskalender wunderbar!
    Viele Grüße aus München zum Zweiten Advent.

  • Fräulein im Glück 12/08/2014 at 19:03

    Liebe Susanne,

    vielen Dank für deinen netten Kommentar und das Adventkalenderlob. Das freut mich wirklich, wenn dir die Idee gefällt.

    Liebe Grüße von Wien nach München,

    Birgit

  • Pia 12/09/2014 at 22:32

    Vielen lieben Dank! Die Geschichte ist wunderschön und ja, wir alle hetzen durch die Weihnachtszeit und durch den Weihnachtsabend – Heiligabend!
    Ich liebe diesen Adventkalender und bin schon traurig, dass es bald wieder aus ist!