Achtsamkeit Familie

Vorsicht vor gefährlichen Gedanken!

07/24/2014

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In letzter Zeit ist mein Nervenkostüm wirklich dünn. Ich bin mir nicht sicher, woher das kommt, vielleicht von der drückenden Schwüle, die in der Stadt im Sommer herrscht oder vielleicht von den Anstrengungen der letzten Monate sich in der neuen (Patchwork-)Familienkonstellation mit Glücksbaby zu organisieren.

Auf jeden Fall komme ich oft an die Grenzen meiner Geduld. Vor allem abends. Abends möchte ich endlich meine Ruhe, aber es passiert das Gegenteil, weil ja alle schon müde sind. Das Glücksbaby raunzt oder weint, will aber noch nicht schlafen und das Glückskind dreht abends richtig auf. Je mehr das Glücksbaby raunzt desto aktiver wird das Glückskind.

Ich wusle meistens irgendwie dazwischen herum und raufe mir die Haare. Wir haben einfach noch keine ordentlich Bettroutine gefunden und das merke ich besonders daran, dass meine Geduld immer weniger wird.

Regelmäßig schramme ich abends am Nervenzusammenbruch vorbei und gelegentlich schrei ich auch mal so richtig herum. Krönender Abschluss einer Situation, in der ich total überfordert bin und nicht mehr weiter weiß.

Dabei würde ich doch so gerne alles richtig machen.

Und total geduldig sein.

Wieso schaffe ich es nicht? Ich meine ICH, die 1000 Bücher über Achtsamkeit liest und jeden Abend Meditationscds hört?

Der totale Reinfall.

 

„Don’t Believe Everything You Think“

 

Gestern hab’ ich dann einen Artikel über die zehn „gefährlichsten“ Gedanken gelesen, die Eltern in anstrengenden Situationen (wie unsere Abende) denken. Übrigens besonders dann, wenn sie eigentlich alles „richtig“ machen wollen.

Gefährlich deshalb, weil manche Gedanken Situationen nicht besser machen, sondern schlimmer, weil sie Ängste verstärken oder so auch gar nicht stimmen und wenn sie stimmen, dann sicher nicht für immer und ewig (nicht vergessen: es kommen auch wieder andere Zeiten). Dann ist es noch schwerer einen guten Ausweg, aus einer eh schon schwierigen Situation zu finden.

 

Die Spitzenreiter unter den gefährlichen Gedanken

 

Ich habe in diesem Artikel wirklich viele meiner gefährlichen Gedanken wiedergefunden und möchte euch mal meine persönlichen Spitzenreiter präsentieren (falls ihr euch hier nicht wiederfindet im Artikel gibt es noch mehr – meine überschneiden sich ein bisschen)

1)Was habe ich nur falsch gemacht?

2) Wieso machen alle anderen es viel besser als ich?

3) Macht er das mit Absicht? Will er mich ärgern?

5) Wieso ist es immer das gleiche?

6) Eigentlich wollte ich, dass sie XXX machen und jetzt DAS!

7) Er wird sein Leben lang Psychotherapeuten gehen müssen (wahlweise auszutauschen mit er/sie wird Drogen nehmen, beziehungsunfähig …)

8) Wenn ich das jetzt nicht durchziehe, dann tanzt er mir ein Leben lang auf der Nase herum

9) Ich bin keine gute Mutter

 

Im Artikel gibt es auch ein paar Lösungsvorschläge, die für alle Arten von Gedanken in diesen Situationen gelten und ich fasse sie mal zusammen (mit meinen Gedanken kombiniert):

  • Das gute alte Müttermantra: „Es ist nur eine Phase.“ Gilt in vielen Situationen. Kinder und auch Eltern ändern sich ständig.
  • And Now for Something Completely Different. Gilt nicht nur für die Monty Pythons,  vielleicht hilft es einmal was gaaanz was anderes zu machen?
  • Durchatmen. Stimmen die Gedanken wirklich und wenn ja? Hilft es, wenn man durch eine Verzweiflungsaktion die Sache noch schlimmer macht?
  • Gegen alle Arten von Selbstzweifelgedanken: Wir sind alle Menschen. Verzeihen wir uns Fehler und suchen wir lieber nach Möglichkeiten was aus der Situation zu lernen. Was haben wir für Fähigkeiten in uns, diese Situation jetzt zu bewältigen? (wir haben da sicher etwas)
  • Für alle Arten von Ängsten á la „was wird aus meinem Kind nur werden?“: Ist das Verhalten wirklich so außergewöhnlich oder vielleicht doch nur dem Alter entsprechend, hat das Kind Hunger, ist es krank? Können wir die Ängste beiseite legen und noch einmal in einer ruhigen Minute drüber nachdenken? Übrigens auch Kinder machen Fehler und sie werden es lernen wie es richtig geht.
  • Das Thema „durchziehen müssen“ kann ganze Bücher füllen (und tut es auch). Ich finde, man darf seine Meinung auch mal ändern und in total mühsamen Situationen sowieso.

Als Abschluss habe ich einen tollen Tipp in diesem Youtubevideo gefunden. Reflektiert denken und anders reagieren kann man ja nur, wenn man diese kleine Pause hinbekommt, bevor man loslegt. Für manche klappt durchatmen, für manche zählen. Dr. Christine Carter empfiehlt sich einfach Post its aufzuhängen, zum Beispiel zur Uhr, wenn man wieder genervt einen Blick darauf wirft, weil man es schon so eilig hat. Auf den Post its kann man auch Schlagworte vermerken wie „akzeptieren“ „durchatmen“, „benennen“. Vielleicht klappt es so leichter mit der dringend notwendigen Pause.

 

Was sind denn eure gefährlichsten Gedanken und habt ihr ein Patentrezept dagegen?

 

Alles Liebe

 

vom Fräulein

9 Comments

  • Reply Leni 07/24/2014 at 11:13

    Liebes Fräulein,
    das ist ein wirklich sehr guter Artikel.
    ich denke, jeder von uns hat zwischendurch solche Gedanken.
    Mein großer Sohn hat mit 3 Jahren noch kein Wort gesprochen. An seiner Hörfähigkeit lag es nicht, das konnten wir ausschließen. Man empfahl uns mehr mit dem Kind zulesen und zusprechen (was, wer uns kennt eine echte Ohrfeige ins Gesicht ist, da wir wirklich viel wert auf Bücher legen). Natürlich dachte ich ständig darüber nach, was wohl falsch gelaufen ist, oder besser, was ICH falsch gemacht habe. Zwischendurch war ich auch mal wütend auf meinen Sohn, dass er noch nicht mal versuchte zu sprechen. Jede andere Mutter hatte einen „guten Rat“ oder Bedauern. Und nachts lag ich Bett und habe geweint. Es hat noch mal ein Jahr gedauert bis er anfing zu sprechen.Langsam holte er alles auf. Heute redet er wie ein Wasserfall und hat sogar einen größeren Wortschatz als Gleichaltrige (obwohl uns Alle erzählten, dass er die sprachlichen Defizite noch mit in die Schule nehmen würde). Kurzum: Gelernt habe ich daraus, dass ich heute gelassener bleibe. Aufhöre meine Kinder mit anderen zu vergleichen. Es gibt immer andere Kinder, die schneller anfangen zu laufen, zu sprechen, lesen zu lernen, größer sind oder was auch immer.
    Ganz liebe Grüße
    Leni

  • Reply Dina 07/24/2014 at 12:52

    Liebes Fräulein,

    Du schreibst mir aus der Seele – Deine Sätze 2), 7), 8) und 9) schwirren mir regelmässig im Kopf herum. Weiterhin: ‚Andere haben 2/3/4/5 Kinder, arbeiten Vollzeiten und sind dabei auch noch schön angezogen. Ich muss es mit einem Kind locker schaffen‘.

    Im AchtsamkeitsMonat ist mir bewusst geworden, wie hinderlich viele meiner Gedanken sind. Vorher dachte ich oft, dass sie mich zu einer besseren Mutter machen – wenn ich die Geduld verliere sollte ich mich schlecht fühlen, damit ich daraus lerne. Das ist natürlich Blödsinn, denn Jede/r macht Fehler, und manche eben immer wieder.

    Durch die Uebungen im Achtsamkeitsmonat habe ich auch gelernt, mit manchen dieser Gedanken besser umzugehen. ‚Stop‘ zu sagen, wenn ich merke, dass sie nicht hilfreich sind.
    Ich erinnere mich auch immer wieder daran, dass ich für meine Tochter ein Vorbild sein möchte; ich wünsche mir, dass sie liebevoll mit sich selbst umgeht anstatt sich selbst fertig zu machen.
    Ansonsten hilft es mir, Blogs wie Deinen zu lesen oder mich mit meinen zwei engsten Mama-Freundinnen auszutauschen, um mich immer wieder daran zu erinnern, dass meine Gefühle und Reaktionen normal sind (ohne all das als Rechtfertigung zu nutzen, wenn ich die Fassung verliere).
    Danke, dass Du Deine Gedanken zu dem Thema teilst und einen lieben Gruss,
    Dina

  • Reply Nanne 07/24/2014 at 13:26

    Liebes Fräulein,
    ich habe keine Kinder. Aber für einen liebevolleren und netteren Umgang mit mir selber, besonders in Stresssituationen hat mir das Buch „Selbstmitgefühl“ von Kristin Neff sehr geholfen. Für den Umgang mit Kindern finde ich „Wenn Nerven sägen an unseren Nerven sägen“ von Rudi Rhode sehr, sehr hilfreich. Ich habe es für meine Arbeit mit „aufmüpfigen“ Jugendlichen gekauft. Der „Eine-Minute-Tipp“ der funktioniert wirklich. Der Großteil der Aufforderungen wird wirklich mit einer kleinen Verzögerung befolgt.
    lg Nanne

  • Reply marlene 07/24/2014 at 17:59

    Ich hab regelmäßig ein schlechtes Gewissen, weil ich hãufig auch mal eine Pause von drr Family brauche und selbst meine Arbeit geniese. Wenn ich dann mal wieder die Nerven verliere nach einem langem Wochenendtag mit Trubel, ist der Weg zu Gedanken wie „ich bin eine Rabenmutter“ und „warum können alle andere das besser als ich?“ Nicht mehr weit 🙁

  • Reply Maria 07/24/2014 at 19:46

    Ich glaube das wichtigste ist, sich von dem „es muss so sein“ löst. Nichts muss so sein.

    Wenn alles schief ging hat mir geholfen, wirklich alles ganz anders als sonst zu machen.

    Statt über xy zu schimpfen, das Kind in den Arm nehmen und zu sagen „Ich habe Dich lieb!“

    Zu sagen „Mama hat heute einen schlechten Tag, ich brauche jetzt eine kurze Pause. Das hat nichts mit Dir zu tun! Ich lege mich 10 Minuten ins Bett, dann geht es mir wieder besser“

    Statt im Haushalt zu arbeiten einen Spaziergang mit den Kindern zum Spielplatz zu machen und mich auf die Bank setzen und den Tag sein lassen.

    lg
    Maria

  • Reply Franka 07/25/2014 at 15:37

    Da kann ich Maria nur zustimmen, in allem. ‚Es muss so sein‘, das geht gar nicht. Jede Familie ist anders, jedes Kind, jede Konstellation. Es ist schon anstengend genug, man muss sich nicht noch selber unter Druck setzen und schon gar nicht mit anderen vergleichen. Dass dort alles so toll läuft, glaube ich nur bedingt.

    Ich weiß nicht, ob es dich tröstet, aber mir ging es früher auch oft so, dass ich mich überfordert und am Ende meiner Kräfte gefühlt habe (zwei Jungs, eindreiviertel Jahre auseinander). Geschrien habe ich auch schon mal und mich danach meist entschuldigt. Kinder sind eben fordernd und anstrengend. Heute ist das alles vergessen oder man schmunzelt darüber. Und alles ist gut. Wir haben ein tolles Verhältnis. Du brauchst also keine Angst zu haben, dass deine Kinder später Probleme haben.

    Und du solltest gut für dich sorgen, das ist wichtig!!

    Liebe Grüße,
    Franka

  • Reply Fräulein im Glück 07/25/2014 at 20:41

    Hallo ihr Lieben,

    ich freu mich so über alle eure Gedanken, Wünsche, Tipps, Erfahrungen, ich habe auch zwei wirklich schöne Mails auf diesen Beitrag hin bekommen, das alles hilft mir wirklich weiter, schon allein deswegen, weil ich mich auch (virtuell) verstanden und nicht so allein mit vielen Gedanken fühle.

    Ich freu mich wirklich sehr und: Danke Danke Danke!!!

    Liebe Grüße,

    Birgit (das Fräulein)

  • Reply Kathi 07/27/2014 at 16:30

    Mir geht es auch immer wieder so. Aber da kann ich ja immer noch achtsam feststellen, dass mir das gerade leider alles zu viel wird und ich inadäquat reagiere, also auch mal herumschreie oder auf irgendwas bestehe, anstatt mehr auf sie einzugehen und besser mit ihr umzugehen. Achtsamkeit, wie ich sie bisher verstehe, heißt ja nicht, dass ich ständig perfekt bin, sondern dass ich mir dessen bewusst bin, was ich tue. Oder schlimmstenfalls halt nachher werde. Wir besprechen Eskalationen nach und es gibt niemals einen Zweifel an der Liebe. Ich glaube, wenn sie wissen, dass Erwachsene auch nicht ständig super sind, dann entlastet sie das für ihr eigenes Erwachsensein später. Und sie wissen, dass die Dinge immer wieder gut werden. Das ist ganz wichtig, finde ich, dass man immer wieder in Kontakt miteinander kommt. – Und es vorher nicht so eskalieren lässt, dass man einander nicht mehr anschauen kann! Also Gewalt geht nicht.
    Ich mag das Temperamentvolle schon auch. Meine Tochter, sie ist fünf, lebt das schon lang. Das darf sie auch. Wir bemühen uns zwar vorher zu SAGEN was wir sagen wollen, aber manchmal, wenn es zu empörend ist… 😉

    • Reply Fräulein im Glück 07/30/2014 at 18:29

      Liebe Kathi,
      ja das bedeutet Achtsamkeit für mich ja auch. Ich würde mir aber eben selbst wünschen, dass ich damit eben die kurze Pause erreiche in der ich es schaffe mich für eine für mich „richtigere“ Handlung zu entscheiden. Sagen wir mal so und ich hab es glaub ich eh schon geschrieben, wenn es von 10 mal 5 mal klappt, dann bin ich schon zufrieden 🙂

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