Achtsamkeit Familie

Raus aus den Schubladen

11/10/2015

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Ich mache gerade einen MBSR* -Kurs, quasi ein Anti-Stressprogramm. Es geht mal wieder um Achtsamkeit. Ich habe es nötig. Zwei kleine Kinder bedeuten Stress. Inzwischen nicht mehr ganz so viel Stress wie am Anfang, aber in den „zuviel-für-eine-einzelne-Person“-Zeiten habe ich mir Verhaltensmuster angelernt, die ich auch jetzt noch täglich abrufe und die möchte ich ablegen.

Zum Beispiel die „Sofort-Erpressung“. Ich warte gar nicht mehr ab, ich erpresse meine Kinder sofort. Sogar schon den Kleinen. „Willst du jemals wieder Süßes?“ „Dann Zähneputzen!“ Dazu setze ich die entsprechende Miene auf. Schon während ich es sage, gehe ich mir selbst auf die Nerven. Da hab ich es aber schon gesagt. Automatisch. Noch mehr geh ich mir auf die Nerven, wenn ich dann den Großen sagen höre: Wenn du mir das Auto nicht sofort gibst, darfst du nicht auf meinen Geburtstag.

Von wem hat er das wohl?

Das nervt mich.

Am meisten nervt mich aber, dass ich in letzter Zeit von meinen Kindern immer gleich das Schlechteste annehme.

Ich will in die Dusche steigen. Nur 5 Minuten Ruhe, Stille, Frieden.

Ein Knall, ein Schepperer oder ein Schrei. Der Kleine heult.

Innere Stimme: „Nicht schon WIEDER“

Ich brause raus. Blick sofort auf den Großen.

„Was hast DU schon WIEDER gemacht?“

Der (schockerstarrt): GAR NICHTS! (in dem Fall hats gestimmt)

Anderes Szenario: der Glücksmann ruft mich. „Schau dir mal an, was der Zwerg da macht“

Ich sehe den Kleinen in meinem neuen (alten) 60er-Jahre-Regal sitzen.

Ich: „Weg vom Kastl bitte, sonst geht das WIEDER kaputt“

„Eigentlich wollte ich dir sagen, dass du zuschauen sollst, was er da Nettes spielt.“

Eigentlich.

Alles muss sofort in eine Schublade.

Wir haben die Neigung alles einzuteilen, sofort zu kategorisieren. Das läuft automatisch ab und ist manchmal ganz nützlich: Tier mit großen Zähnen = schlecht. Baum mit reifen Früchten = gut.

Aber macht es Sinn das Verhalten unserer Kinder dauernd in gut oder schlecht zu unterteilen? In ein uns angenehmes und unangenehmes Verhalten?

Achtsamkeit schafft Pausen

Ich brauche eine Pause. Von gut ODER schlecht. Ich brauche eine Pause bevor ich meine Gedanken, mein Verhalten, meine Kinder in der Lade für gut oder schlecht ablege.

Ich möchte jeden einzelnen Moment sehen wie er wirklich ist. Und nicht schon vorher wissen, dass es eh schon WIEDER SO ist.

Sonst sind die Kinder schnell als ganzes in einer Schublade drinnen. Da steht dann „gut“ drauf oder „schlecht“ oder „nervig“ oder „brav“.

Aus den Schubladen kommt man schlecht wieder raus.

Ich sitze gerade in einer mit der Aufschrift: „ewige Nörgeltante“.

Da will ich raus, ich will wieder offen sein.

Dann kann ich meine Kinder vielleicht auch wieder so sehen, wie sie wirklich sind.

Alles Liebe,

Birgit

PS

In der ersten Woche gab es im Kurs die Aufgabe, darauf zu achten, wie man alles in Angenehmes und Unangenehmes einteilt. Habt ihr auf das schon einmal geachtet? Wie geht es euch damit?

 

*Mindfulness-Based Stress Reduction heißt soviel wie Stressbewältigung durch Achtsamkeit

15 Comments

  • Reply Daija 11/10/2015 at 10:17

    Zu Deiner Frage – Ja.

    Eine Zeit lang nervte mich, dass ich die Schubladen zwar bemerkte, ich sie aber weiterhin benutzte. Ehrlich gesagt fühlte ich mich behämmert, weil ich mit offenen Augen in die Falle lief.

    Mittlerweile akzeptiere ich, dass Erkenntnis der erste Schritt ist. Die Label weg zu nehmen, offener zu sein, ist die nächste Aufgabe, und, wie Du schön beschreibst, schwerer, weil sich Verhaltensweisen über Jahre oder Jahrzehnte eingeschlichen haben. Es geht aber trotzdem, aber nicht von allein.

    Übungssache. Und: Life is a journey, not a destination.

    Liebe Grüße
    Daija

    • Reply Fräulein im Glück 11/28/2015 at 18:53

      Ich bin schon gespannt wann wir beide zum nächsten Level aufsteigen, sicher zu einem ähnlichen Zeitpunkt 😀

      Liebe Grüße,

      Birgit

  • Reply DreiPunkteWerk 11/10/2015 at 16:55

    Interessante Angelegenheit 🙂
    LG,
    Kathrin

  • Reply Gabi Raeggel 11/10/2015 at 18:39

    WOW!! Das ist einfach super und Achtsamkeit im Alltag auf den Punkt gebracht. Kompliment!

    • Reply Fräulein im Glück 11/28/2015 at 18:55

      Liebe Gabi,

      danke für dieses nette Kompliment 🙂

      Liebe Grüße,

      Birgit

  • Reply Judith 11/10/2015 at 20:23

    Interessant. Ich wusste nicht, dass es dafür Kurse gibt … Manchmal geht es mir auch so. Gott sei Dank nur manchmal, mich nervt diese Verhalten an mit nämlich auch. Ist halt auch „einfacher“, vom schlechtesten Fall auszugehen. Ich habe es irgendwie geschafft, mir das ein wenig selbst abzugewöhnen. Seit dem Zeitpunkt nämlich, als ich entdeckt habe, dass die Kleine die Große ebenfalls zwickt, ihr Sachen wegnimmt oder sie sekkiert. Und am besten dann noch zu weinen anfängt, damit die Große schuldig aussieht. … Geschickt eingefädelt und hat mir die Augen geöffnet …

    • Reply Fräulein im Glück 11/28/2015 at 20:47

      hihi, ja es gibt wohl für alles kurse, anscheinend sogar Elternspezifisch, so einen hab ich aber nicht genommen. und ja, mein Kleiner teilt eh auch schon gscheit aus.

      Liebe Grüße,

      Birgit

  • Reply in wachsenden ringen 11/16/2015 at 09:47

    Wow! Kinder sind doch einfach die besten Achtsamkeitslehrer, die es gibt! Und die forderndsten noch dazu!
    Ich habe den MBSR-Kurs gemacht, als unser Großer gerade mal ein Jahr alt war. Jetzt – mit zwei Kindern – erlebe ich ähnliche Szenen, wie du sie beschrieben hast. Das ist noch mal eine ganz neue Herausforderung. Als ich einmal besonders geknickt war, hat mir dieser kleine Film hier geholfen: https://inwachsendenringen.wordpress.com/2015/08/17/perspektive-gewechselt/
    Kennst du ihn?
    Viele Grüße!

    • Reply Fräulein im Glück 11/28/2015 at 20:51

      Wahhhhh dieser Film ist so wunderbar!

      Danke fürs teilen :-)!!

      Liebe Grüße,
      Birgit

  • Reply Maria 11/17/2015 at 06:55

    Hallo Birgit!

    Ich mache derzeit einen Yoga-Kurs, der gestrige Abend war MBSR gewidmet. Vieles kannte ich schon, einige der Übungen sind auch Yoga sehr ähnlich.

    Hat mir gut gefallen! Yoga tut mir überhaupt SEHR gut! 1,5 Stunden die volle Achtsamkeit gebündelt.

    Wenn ich gerade wieder irgendwo fest stecke, mache ich einige Atemübungen oder ein einzelne Yogaposition. Das hilft mir gut gegen Stress.

    Achtsames Essen gehört auch zu MBSR dazu soviel ich weiß, das mache ich jetzt auch schon längere Zeit (Buchtipp auf meinem Blog).

    Ich stecke derzeit auch in einer Schublade fest aus der ich mich befreien möchte, danke für die Anregungen!

    lg
    Maria

    • Reply Fräulein im Glück 11/28/2015 at 20:53

      Liebe Maria,

      ich möchte unbedingt bald einen Yogakurs machen, derzeit hab ich aber eh so viel zu tun, dass das zusätzlich Stress bedeutet, aber ich glaube gerade über Übungen mit dem Körper kann man Achtsamkeit sehr gut üben.

      Ich hoffe ich schaffe es bald.

      Liebe Grüße,
      Birgit

  • Reply Jeannine 01/25/2016 at 18:47

    Danke für deinen Artikel, Birgit. Ich konnte mich darin, ehrlich gesagt, ziemlich gut wiederfinden. Und das mit „nur“ einem Kind… aber wie du richtig sagst: So eine Schublade ist schnell geöffnet. Danke für’s Aufmerksam machen.

  • Reply Meditieren mit Kindern, ein Dokutipp und unser Wochenende in Bildern - Fräulein im Glück 02/29/2016 at 12:08

    […] berichten, denn die Übungen gefallen mir (und auch dem Großen) sehr gut und kommen mir aus dem MBSR-Kurs für Erwachsene schon sehr bekannt […]

  • Reply Wie du es schaffst, dass deine Kinder alles liebend gerne probieren {achtsam essen für Kinder} - Fräulein im Glück 03/16/2016 at 11:07

    […] ich einen Achtsamkeits-/Meditationskurs (MBSR-Kurs) gemacht habe (übrigens hier – ich kann gar nicht genug Werbung […]

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