Adventkalender

Adventskalender – Türchen 19: Eine Frage der Perspektive

12/19/2014

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Bei mamadenkt lese ich schon mein ganzes Bloggerinnen-Leben lang. Und was soll ich sagen, ich lese immer noch, und zwar sehr gerne, über Rages Alltagsabenteuer mit Familie, über ihre Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit oder ihren reduzierten Haushalt.

Heute hat Rage von mamadenkt hinter dem 19. Türchen ein Beitrag versteckt.

Vielen Dank Rage!

Eine Frage der Perspektive

Als Grundschulkind habe ich mal ein volles Portemonaie auf dem Bürgersteig gefunden. Es war ein Sonntag und wir waren gerade auf dem Weg nach Haus. Ich weiß noch, wie wir an einem großen BacksteinFabrikGebäude vorbeigegangen sind. Meine Schwester und ich gingen hinter meinen Eltern her. Auf dem Bürgersteig lag dieses Portemonaie. Trotz „Lasst es bitte liegen.“ hatte ich das abgewetzte Leder schon in der Hand und hielt es meinen Eltern aufgeregt entgegen. „Vielleicht ist ja doch etwas drin.“ An der Reaktion von beiden wusste ich, dass sie nicht davon ausgingen und den Gegenstand nur ungern in der Hand hielten. Dennoch öffnete mein Vater das Stück Leder und entdeckte…

… Nichts – außer einem rötlichen 50DM-Schein. Da ich schon zur Schule ging, wusste ich wieviel Geld das war. Noch heute mag ich 50€uroScheine sehr. Da in dem Geldbeutel sonst nichts war, kein Personalausweis, kein Führerschein, kein KassenBon vom letzten Einkauf entschieden sich meine Eltern dazu, das Geld mitzunehmen.

Etwa 25 Jahre später bin ich auf dem Weg zum Arzt. Natürlich in Eile. Mir ist es wichtig pünktlich da zu sein und nicht den ganzen Verkehr aufzuhalten. Aber erst finde ich keinen Parkplatz und dann suche ich die 10€, die mir mein Mann kurz vor meiner Abfahrt in die Hand gedrückt hatte. Ich hatte sie fahrig in meine Hosentasche geschoben und erst nach ein paar Minuten suchen im Auto wiederentdeckt.

Ihr müsst euch dieses Finden so vorstellen: Keine Zeit. Du bist in Eile und der Schweiß bricht dir aus. Du warst extra duschen, aber weil alles so schnell gehen muss, wirst du unruhig und beginnst zu schwitzen. Der Gedanke ans Schwitzen lässt noch eine Welle Transpiration über dich hereinbrechen. Dann entdeckst du die 10€ Praxisgebühr. Ziehst sie nur ein Stück aus der Hosentasche, atmest auf und schiebst sie eilig zurück. Dass du sie nicht ganz hineindrückst, fällt dir nicht auf.
Dann stehst du am Empfangstresen und gräbst wieder nach diesem Geldscheinchen. Diesmal: Ohne Erfolg. Das Geld ist weg.

Neben einer Vielzahl an Gedanken geht dir plötzlich durch den Kopf, dass jemand das Geld in der Fußgängerzone gefunden haben könnte. Es ist weg. Aber nicht nur das. So bitter der Gedanke sein mag, so sehr du diese 10€ gebraucht haben könntest, irgendjemand hat das Geld gefunden. Und höchstwahrscheinlich, wird er sich gefreut haben. Vielleicht nicht so dolle, wie meine Eltern und ich uns über die 50DM gefreut haben. Aber das Glücksgefühl könnte annähernd ähnlich gewesen sein.

Vielleicht ist eine alleinerziehende Mutter die Glückliche, die ihren beiden Kindern außer der Reihe was beim Bäcker kaufen kann? Oder sich freut dem Kind ein neues Schulmäppchen kaufen zu können.
Vielleicht eine alte Oma, die für ihre Enkel oder Nachbarin Schokolade oder Pralines kaufen geht.
Vielleicht der Handwerker, der sein Mittagessen vergessen hat und sich auf die ImbissBude am Mittag freut.
Vielleicht die Karrierefrau, die das Geld eben einsteckt und es schon wieder vergessen hat.
Vielleicht ein Jugendlicher, der sich sein Handy aufladen geht.

Manches davon erscheint dir nicht wertvoll genug für „deine“ 10€. Aber sie sind jetzt auch nicht mehr deine. Der Gedanke, dass ich jemandem eine unerwartete
Freude gemacht haben könnte, hat mir damalsl über meinen Ärger und meine Wut hinweggeholfen.

In dieser Adventszeits, möchte ich auch gerne geben. Es sind noch ein paar Tage bis Weihnachten. Vielleicht mal sehr bewusst 5€ auf den Boden fallen oder im Supermarktregal liegen lassen? Ganz bewusst verzichten und jemand anderem eine Freude machen. Durch das Geben. Eine unerwartete.
Oder wenn es konkreter sein soll, praktischer und sehr bewusst hilfreich, dann vielleicht das Geld für so eine Idee wie das Rosinenbömbchen investieren. Ein Rosinenbömbchen, das aus einer Tüte mit zB. einem Müsliriegel, einer neuen Zahnbürste und einem paar dicken Socken besteht? Für jemanden, der wirklcih gar nichts mehr hat.

Ich denke, ich verliere morgen mal 5€uro. Und du?

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7 Comments

  • Reply Mathilda 12/19/2014 at 07:33

    Wow, was für ein toller Beitrag!!! Von den Rosinenbömbchen hatte ich bisher nicht gewusst. Eine tolle Idee!

    • Reply rage 12/19/2014 at 14:58

      Zum Rosinenbömbchen gibt’s demnächst einen Artikel. Ich konnte ein Interview mit den ‚Machern‘ ergattern. Wooohu!!

  • Reply inney 12/19/2014 at 08:45

    Das kommt genau richtig als Beschäftigung für den 23.! Rosinenbömbchen basteln und verteilen, meine Tochter wirds freuen. Und die Beschenkten hoffentlich auch.

  • Reply Anne 12/19/2014 at 09:28

    Puh, das ist gruselig! Gestern bringe ich den Minimonsieur zum Kindergarten – auf dem Weg finden wir einen kleinen, gelben Holzstern, der im Laub liegt. Wir nehmen ihn mit und erzählen uns, was es mit dem Stern wohl auf sich haben könnte. Auf dem Rückweg gehe ich noch schnell Kaffee kaufen. Als ich die Straße überquere liegt da…. ein 10€-Schein! Zusammengefaltet, so, als hätte ihn jemand in Eile in die Hosentasche gesteckt. Weit und breit niemand zu sehen. Also stecke ich die 10€ ein und freue mich. Überlege, was ich damit mache, formuliere schon in Gedanken einen Post für meinen Blog nach dem Motto: was die Leute alles so wegschmeißen.
    Und dann lese ich heute Deinen Beitrag und bin fassungslos! Gestern hab ich schon an Zeichen gedacht – aber jetzt? Eigentlich sollten wir uns jetzt zusammen tun und mit diesen (Deinen?) 10€ was Tolles machen, oder?

    • Reply rage 12/19/2014 at 15:00

      Wie krass! Ich bin gespannt auf deinen Artikel… Den gibt’s dann doch trotzdem, oder?!!?

  • Reply Tanja Heller 12/19/2014 at 10:20

    Seit ich weiß, wie schrecklich es ist, Geld im Geldautomaten zu vergessen und es zuhause erst zu merken und wieder zur Bank zu müssen und das da zu gestehen (man kommt sich schon seeeeehr blöd vor) und zu beten, dass der Mensch nach mir am Automat das viele (!) Geld nicht einfach an sich genommen hat, macht man mir mit Geld finden überhaupt keine Freude. Es ist nämlich nicht mir!!! Ging alles gut. Das Geld war noch da und der Vorgang registriert. Beim nächsten Besuch hab ich meine Karte im Automat vergessen. Und beim übernächsten die Auszüge. Kein Witz! Seitdem hab ich alles durch und es klappt wunderbar.

  • Reply Fräulein im Glück 12/19/2014 at 12:00

    Ich finde den Beitrag auch super und das Rosinenbömbchen finde ich eine gute Idee! Das Einkaufen in der Weihnachtszeit finde ich eh so seltsam, weil massen an menschen mit ihren teuren waren an anderen vorbei gehen, die sich nichts leisten können und wenn sie ein paar cent wollen schaut jeder weg. Ich gebe in der Weihnachtszeit jedem, wirklich jedem der mir begegnet und mich fragt ein paar Cent, oft denke ich mir, ob das wenige hilft? Es ist doch alles so teuer. Außerdem höre ich oft: „du unterstützt damit nur die bettelmafia etc“ (es leben die Vorurteile)

    Ein Rosinenbömchen ist sicher eine gute Möglichkeit,

    Übrigens finde ich schön einen Verlust von einer positiven Seite zu sehen und das Geld nicht als „verloren“ zu betrachten.

    Vielen Dank für den schönen Beitrag.

    Birgit

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